Geil, geiler, geilen! | Vergeilung bei Wasserpflanzen

Neulich las ich in einem Forum einen verzweifelten Hilferuf: „Meine Pflanzen geilen!“ war die Überschrift. Im ersten Kommentar hieß es dann: „Ich habe mal gegoogelt“. Vergeilung, oder auch Etiolement, scheint ein Thema zu sein, was unter den Aquarianern ehr unbekannt ist. Dabei können wir aufgrund der vergleichsweise schlechten Beleuchtung im Aquarium häufig mit diesem Phänomen in Berührung kommen.

Erforschung der Vergeilung

Anfang des 20ten Jahrhunderts begann man mit der Erforschung der Vergeilung indem man Pflanzen bei völliger Dunkelheit aufzog. In erster Linie kamen hierfür Senfsaaten zum Einsatz, aber auch Knollenpflanzen wie Kartoffeln wurden untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass die in der Dunkelheit wachsenden Pflanzen einen komplett anderen Wuchs haben als Referenzpflanzen die unter gleichen Boden- und Nährstoffbedingungen, aber mit natürlichem Licht aufwuchsen.

Vergeilter Palmfarn.JPG
Von –WikiTerra (Diskussion) 13:45, 7. Apr. 2013 (CEST) – selbst fotografiert, Bild-frei, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=7626848

Insbesondere unterschieden sich die Wachstumsgeschwindigkeiten einiger Pflanzenteile. Die Internodien, also die blattlosen Bereiche zwischen den Blattknoten, sowie die Blattstiele wuchsen sehr schnell sehr lang, die Blätter selbst sowie das Wurzelnetz wurden hingegen kaum ausgebildet. Der Grund hierfür ist ein einfacher Notfallplan der Pflanze, der dafür sorgen soll, nicht von umgebenden Pflanzen überwuchert zu werden. Ausschlaggebend für die Auslösung dieses Notfallplanes ist die Differenz zwischen den angebotenen Nährstoffen sowie Wärme zu der zur Verfügung stehenden Lichtmenge. Insbesondere die Wärme ist entscheidend. Bei höheren Temperaturen geht die Pflanze davon aus, dass es Sommer ist und daher viel Licht zur Verfügung steht. Ist es ehr kalt, so scheint es Winter zu sein was ein schwaches Licht rechtfertigen würde.

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Normalerweise nutzen unsere Pflanzen das Licht um mit Hilfe von Enzymen Photosynthese zu betreiben und so notwendige Kohlehydrate für einen kräftigen Wuchs zu erzeugen. Um aber nicht „in den Schatten gestellt zu werden“ verlagern vergeilende Pflanzen ihre Prioritäten und stecken alle Ihre Energie in ein schnelles Wachstum. Dabei werden die durch die Düngung zur Verfügung stehenden Nährstoffe genutzt und in ein Wachstum ohne Photosynthese investiert. Dies hat zur Folge, dass das gebildete Gewebe nicht nur sehr blass und farblos, sondern auch sehr schwach und zerbrechlich ist. Sehr schön beschrieben und einfach zu verstehen sind diese Zusammenhänge auch durch den Selbstversorger.

Mein Mindmap zur Vergeilung.
Mein Mindmap zur Vergeilung.

Vergeilung im Aquarium

Im Aquarium haben wir ein hohes Risiko mit der Vergeilung konfrontiert zu werden. Obwohl wir ganzjährig eine für unsere Fische angenehme Temperatur einstellen sind unsere Möglichkeiten der Beleuchtung nicht mit den natürlichen Lichtverhältnissen zu vergleichen. So finden wir, insbesondere bei der Verwendung von Standardleuchtmitteln, immer wieder schöne Pflanzen die wir jedoch nicht halten können. Aber auch nicht ganz so anspruchsvolle Pflanzen können Probleme bekommen wenn zu Beispiel durch eine dichter werdende Schwimmpflanzen-Decke die Lichtmenge reduziert wird oder im Sommer die Temperatur weiter ansteigt, die Lichtmenge aber gleich bleibt.

Da wir aber immer noch Licht zur Verfügung stellen fällt die Vergeilung nicht so extrem aus wie in den anfangs genannten Experimenten. Dennoch kann es sein, dass unsere Pflanzen in die Höhe schießen und insbesondere Stengelpflanzen kahl zu werden scheinen. Die beiden folgenden Bilder zeigen einen Pogostemon erectus mit Anzeichen für Vergeilung und unter normalen Wachstumsbedingungen.

Ein Pogostemon erectus zeigt Anzeichen einer Vergeilung. Grund hierfür war eine zu dichte Schwimmpflanzen-Decke und damit eine zu stark reduzierte Lichtmenge.
Ein Pogostemon erectus zeigt Anzeichen einer Vergeilung. Grund hierfür war eine zu dichte Schwimmpflanzen-Decke und damit eine zu stark reduzierte Lichtmenge.
Hat ein Pogostemon erectus im Mittelgrund diese Größe erreicht, sollte er etwas gekürzt werden.
Hat ein Pogostemon erectus im Mittelgrund diese Größe erreicht, sollte er etwas gekürzt werden.

Der Vergeilung entgegen wirken

Vergeilung ist eine Reaktion der Pflanze auf ein aus dem Gleichgewicht geratenes Nährstoffangebot. Um eine Vergeilung zu verhindern oder zu stoppen müssen wir dafür sorgen, dass dieses Gleichgewicht bestehen bleibt oder es wieder herstellen. Im Idealfall können wir die Lichtmenge erhöhen. Dazu können wir Schwimmpflanzen entfernen oder hoch wachsende Pflanzen kürzen um eine Beschattung zu verringern. Ist dies nicht möglich müssen wir die anderen Hebelarme des Systems entsprechend verkürzen. Hierzu können wir durch Reduzierung der Düngung das Nährstoffangebot verringern, soweit möglich sollte aber die Wassertemperatur gesenkt werden.

Fazit

Vergeilung ist ein Schutzmechanismus der Pflanze, der auch in der Natur vorkommt. Aufgrund der speziellen Bedingungen im Aquarium sind unsere Pflanzen aber besonders gefährdet. In erster Line ist ein Mangel an Licht für die Vergeilung verantwortlich. Wenn wir aber verstehen was die Pflanzen hierzu veranlasst können wir diverse Maßnahmen einleiten um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten.

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Ein Kommentar bisher - Was sagst du?

  1. patrick sagt:

    Sehr guter Beitrag! man kann echt noch sehr viel dazu erlernen um das Thema Aquarium-lebensraum ect. 🙂

    21. April 2016
    Antworten

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