Wie du mit Biotop Aquaristik die Natur nachstellst

Letzte Aktualisierung am 17. Oktober 2019

Die meisten von uns sind mit einem klassischen Gesellschaftsbecken in die Aquaristik eingestiegen: Ein Aquarium voller Pflanzen und friedlicher, bunter Fische, die im Wohnzimmer einen attraktiven Blickfang bieten. Im Laufe der Zeit aber wird der Drang nach Spezialisierung lauter. Während sich die einen der Zucht seltener Fisch- und Garnelenarten zuwenden, treibt es andere zum Aquascape. Die Königsklasse der spezialisierten Becken bietet aber eindeutig die Biotop Aquaristik, bemüht sie sich doch darum, ein perfektes Abbild der Natur in unsere Wohnräume zu bringen.

Was ist ein Biotop?

Biologen bezeichnen als Biotop einen in sich abgeschlossenen Lebensraum mit all seinen tierischen und pflanzlichen Bewohnern. Faktoren wie Klima, Geologie, Strömung sowie der Einfluss von außen wirken auf ein jedes Biotop ein. Die Bewohner eines Biotops leben in gegenseitigem Gleichgewicht, was den Erhalt des Lebensraumes bewerkstelligt.

Ein Biotop kann natürlich entstanden sein oder einen künstlichen Lebensraum bezeichnen, der von Menschenhand geschaffen wurde. Natürliche Biotope wären Bäche, Wälder oder Wüsten. Der Mensch hingegen schuf Biotope wie Stauseen oder Parks. In der Biotop Aquaristik relevant sind vor allem Süßwasserbiotope, wie Bäche mit hoher Strömung, Tümpel oder Mangrovensümpfe. Aber auch der Uferbereich oder der Luftraum oberhalb eines Süßwasserbiotops kann in der Biotop Aquaristik nachgebildet werden.

Was ist Biotop Aquaristik und wie unterscheidet sie sich von anderen Aquarientypen?

Die Biotop Aquaristik nimmt sich den natürlichen Lebensraum einer oder mehrerer Arten als Vorbild. In der Regel wird das Becken um eine zentrale Art aufgebaut und deren natürliches Vorkommen möglichst genau nachgebaut. Hier reicht es nicht mehr, Fische nur nach Kontinenten oder Wasserwerten auszuwählen, sondern bestimmte Bachläufe oder Seen nachzubilden. Die Beschaffenheit des Wassers, die Lichtverhältnisse, die Strömung sowie die Einrichtung des Beckens richten sich in der Biotop Aquaristik daher nach jenen Parametern, die die Tiere auch in der freien Natur antreffen. Wer es ganz genau nimmt, setzt sogar nur Pflanzen ein, die in der jeweiligen Gegend auch vorkommen.

Belohnt wirst du in der Biotop Aquaristik mit Fischen, die ihre natürlichen Verhaltensweisen entwickeln können. Setzt du mehrere Arten desselben Biotops zusammen, kannst du sogar deren Interaktionen untereinander beobachten. Auch gelingt in der möglichst naturnahen Umgebung die Zucht oft ohne Zutun.

Der Biotop Aquaristik gegenüber stehen eine Reihe an anderen Aquarienformen. Im Gesellschaftsaquarium werden unterschiedliche Fische (meistens friedlich) und Pflanzen gepflegt, unabhängig davon, aus welcher Ecke der Erde sie kommen. Nicht alle Arten eigenen sich für ein solches Becken, da sie zu spezifische Ansprüche haben. In einem Artaquarium wird nur eine einzige Art gehalten, meist mit dem Ziel, diese zu züchten. Ein Artaquarium kann, muss aber nicht einem Biotopaquarium entsprechen. Ein Schauaquarium dient in erster Linie zur Dekoration und ist meistens öffentlich ausgestellt. Das Naturaquarium klingt zwar so, als hätte es etwas mit Biotop Aquaristik zu tun, in Wirklichkeit aber versucht man mit Pflanzen und Dekorationsgegenständen Landschaften darzustellen, wie z.B. Gebirge oder Bäume. Mit natürlich Unterwasserlebensräumen haben Naturaquarien trotz des Namens kaum etwas zu tun.

Welche Arten von Biotopen gibt es?

Bis auf die Antarktis sind Süßwasserfische auf allen Kontinenten und in allen Klimazonen anzutreffen. Dementsprechend hoch ist die Fülle an möglichen Biotopen, auf die du zurückgreifen kannst. Nachdem in der Regel in der Süßwasseraquaristik tropische bis subtropische Arten gepflegt werden, stellen wir dir hier die gängigsten Biotope aus diesen Breitengraden vor. Einige davon beleuchten wir in eigenen Artikeln später noch genauer.

Malawiseebecken

Für ein Malawibecken brauchst du vor allem viel Platz und eine stabile Statik in deiner Wohnung. Da vorwiegend Buntbarsche den Malawisee bevölkern, sollte 300 Liter die absolute Mindestgröße darstellen. Aber wie fast immer in der Aquaristik gilt: Je größer, desto besser. Dieses Aquarium wird mit hohen Steinaufbauten dekoriert, in denen sich die Mbuna-Buntbarsche zurückziehen. Diese können gemeinsam mit dem Wasser ein enormes Gewicht entwickeln.

Da im Malawisee kaum Pflanzen wachsen, verzichten auch die meisten Aquarianer auf diese. Dementsprechend ist die Beleuchtung zweitrangig und sollte eher gedämpft ausfallen. Oft werden in Malawiseebecken mit blauen LEDs atmosphärische Effekte erzielt. Der Malawisee weist weiches, aber alkalisches Wasser mit pH-Werten von bis zu 8 auf, was im Aquarium nicht immer einfach einzurichten ist. Außerdem herrschen im See oft hohe Strömungen, die du mit einer Strömungspumpe nachstellen kannst.

Buntbarsche in einem Malawisee-Biotop.
Der in der Biotop Aquaristik beliebte Malawisee besticht durch große Steine die bunten Fischen eine Heimat geben.

Tanganjika Becken

Der Tanganjika See ist neben dem Malawisee der zweite große Grabensee in Afrika. Dementsprechend ähnlich sind die Verhältnisse im See. Auch hier musst du mit Steinaufbauten arbeiten, solltest aber zusätzlich mehr offene Sandfläche bieten. Beachte, dass die Wasserwerte im Tanganjika See noch extremer sind, der pH-Wert sollte hier niemals unter 8,5 fallen.

Nur wenige Pflanzen halten diesen alkalischen Verhältnissen stand, du kannst also getrost darauf verzichten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Aquarientypen gehören dafür Algen im Tanganjika Becken sogar zum guten Ton. Neben Cichliden bewohnen übrigens auch diverse Fiederbartwelse oder Stachelaale den Tanganjika See, du kannst hier also vielfältiger besetzen als im Malawiseebecken.

Amazonas / Schwarzwasser und die Biotop Aquaristik

Das Schwarzwasseraquarium ist vermutlich einer der beliebtesten Beckentypen in der Biotop Aquaristik. Südamerikanische Fische führen mit ihrer Farbenpracht und Vielfalt die Beliebtheitsskala an, da möchten sich viele an deren natürlichen Lebensräumen versuchen.

Das Schwarzwasser ist entgegen der ersten Vermutung komplett klar. Vielmehr ist es von Huminsäuren eingefärbt. Diese haben auch einen extrem niedrigen pH-Wert zur Folge, der in der Natur schon einmal Werte um 4 erreichen kann. So ein saures Milieu gelingt uns im Aquarium selten, aber einen pH-Wert von unter 6,5 sollten wir schon anstreben. Den kannst du gut mit Seemandelbaumblättern, Moorkienwurzeln oder Erlenzapfen erreichen, die alle zusätzlich das Wasser natürlich einfärben. Außerdem hilft es entsprechend aufgesalztes Osmosewasser einzusetzen.

Uferzone mit Holz
Viele südamerikanischen Uferzonen sind mit Hölzern aller Art durchzogen.

Überhaupt spielt Holz eine tragende Rolle im Schwarzwasseraquarium. Durch das düstere Licht haben daneben nur wenige Pflanzen eine Chance. Dafür kommt die Farbenpracht von Salmlern wie dem blauen Neon und Buntbarschen hier so richtig zur Geltung. Und Panzer- und Harnischwelse werden es lieben, die Laubhaufen auf dem dunklen Kies zu durchwühlen.

Mittelamerikabecken

Im Gegensatz zum Amazonas ist das Wasser in mittelamerikanischen Biotopen leicht alkalisch und hart, sowie glasklar. Hier leben einige der beliebtesten Aquarienfische weltweit, nämlich die Lebendgebärenden Zahnkarpfen wie Guppy und Platy. In diesem Aquarium kannst du neben Holz auch einige Steine einbringen. Pflanzen kommen hier auch häufiger vor als im Schwarzwasser des Amazonas. Dementsprechend hoch soll die angebotene Lichtstärke sein. Die Kardinalslobelie oder das Große Fettblatt stammen beispielsweise aus dieser Region.

Asiatischer Bachlauf

In den letzten Jahren werden Flossensauger in der Aquaristik immer beliebter. Diese brauchen aber, ähnlich wie andere asiatische Schmerlen, unbedingt eine hohe Strömung, um sich wohlzufühlen. Ein solches Becken richtest du am besten mit Sand und darauf geschichteten Flusskieseln ein, zwischen denen sich die Tiere verstecken können. Bepflanzung erfolgt bestenfalls im hinteren und seitlichen Bereich, wo sie nicht in den Einfluss der Strömungspumpe kommen. Die Wassertemperatur darf ruhig ein bisschen niedriger ausfallen, das Wasser ist neutral und mittelhart.

Bachlauf im Jungel
Panorama of the mountain river in the jungle, Morning, India, Goa

Stehende Gewässer Asiens

Dem Bachlauf gegenüber stehen Fische Südostasiens, denen Strömung überhaupt nicht behagt. Labyrinther wie Kampffische, Guramis oder Fadenfische kommen in Strömung gar nicht zurecht und eignen sich daher ideal für Becken, die über einen Hamburger Mattenfilter verfügen oder gar filterlos sind.

Die Einrichtung erfolgt ähnlich dem Schwarzwasseraquarium: Schummriges Licht schlüpft durch die Schwimmpflanzen und erhellt das dunkel gefärbte Wasser darunter nur wenig. Auch hier steht Holz im Vordergrund. Einzig die Pflanzen unterscheiden sich. Unter diesen Bedingungen fühlen sich insbesondere Javafarn und Javamoos wohl. Einen schönen Kontrast zu Labyrinthfischen bieten die kleinen, friedlichen Bärblinge der Region. Achte aber unbedingt auf die Größenverhältnisse. Ein größerer Fadenfisch kann einen Zwergbärbling schon einmal mit Lebendfutter verwechseln.

Brackwasser in der Biotop Aquaristik

Dieser Beckentyp ist in der Biotop Aquaristik eher weniger verbreitet, da schwer umzusetzen. Brackwasser beschreibt die Mischung aus Salz- und Süßwasser an den Flussmündungen. Das Wasser ist klar und langsam fließend, die Einrichtung sollte eher grob mit größeren Steinen und Holzstücken erfolgen. Nur die wenigsten Pflanzen halten diesen extremen Bedingungen stand, weswegen gerne auf sie verzichtet werden kann.

Im Jahresverlauf kann der Salzgehalt des Wassers ruhig schwanken, um natürliche Verhältnisse darzustellen. Fische für das Brackwasserbecken werden in der Regel sehr groß, weswegen die Aquariengröße dementsprechend ausfallen sollte. Silberflossenblätter, Vieraugen, Segelkärpflinge und Schützenfische gehören zu den beliebtesten Bewohnern. Besonders bei Letzteren sollte man das Aquarium nicht voll befüllen, um ihnen eine artgerechte Jagdweise oberhalb der Wasseroberfläche zu ermöglichen.

Mangroven am Flussüfer. Beliebtes Vorbild in der Biotop Aquaristik
Die Mündungsgebiete von tropischen Flüssen werden gerne von Mangroven durchzogen. Diese sollten auch in einem Brackwasser Biotop Aquarium nicht fehlen.

Australienbecken

Dies ist vermutlich der Exot in der Biotop Aquaristik. Nur wenigen Aquarianern sind die Regenbogenfische Australiens ein Begriff, dabei machen sie ihrem Namen alle Ehre und wechseln schon einmal über den Tag hinweg ihre Farbe. Außerdem fühlen sie sich in Wasserwerten, die in vielen mitteleuropäischen Haushalten aus dem Wasserhahn kommen, pudelwohl: Es sollte mittelhart und neutral sein. Oftmals scheitert dieser Beckentyp aber an der Verfügbarkeit australischer Fisch- und Pflanzenarten. Solltest du aber Kontakte zu einem Züchter haben, dann ist der aquaristische Ausflug auf den kleinsten Kontinent durchaus eine Reise wert.

Fazit zur Biotop Aquaristik

Die Biotop Aquaristik ist ein wunderbares Mittel, deine Leidenschaft für Süßwasserfische auf das nächste Level zu heben. Statt auf die reine Farbenpracht eines Gesellschaftsaquariums zu achten, kannst du dir damit ein Stück exotischen Lebensraum in dein Wohnzimmer holen. Sowohl für dich als auch für die Fische bietet ein Biotopaquarium mehr Ruhe und mehr Raum, Neues zu entdecken. Und wer weiß, vielleicht kannst du schon bald die Nachzucht einer besonders kniffligen Art vermelden.

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